Einmal Langeweile und zurück?

Ein Gastbeitrag von Markus Melchers

„Alle Fürsten langweilen sich: ein Beweis dafür ist, dass sie auf die Jagd gehen.“ So formulierte Charles de Secondat, besser bekannt als Baron de Montesquieu (1698-1755). Das Phänomen, das wir im Deutschen mit dem Begriff Langeweile bezeichnen, hängt also unmittelbar mit dem sozialen Status und dem Einkommen eines Menschen zusammen. Der adelige Herr muss es ja wissen, oder?
In der deutschen Sprache lässt sich allerdings kein Hinweis auf das sozioökonomische Fundament dieses speziellen Gefühls aufspüren. Hier stehen vielmehr diejenigen Aspekte im Vordergrund, die das subjektive Zeitempfinden betonen. So wird entweder ein psychischer oder ein Bewusstseinszustand mit Langeweile assoziiert. In anderen Sprachen ist dies anders. So fehlt etwa im Französischen oder Englischen der Bezug zum Zeitempfinden. Dort verbindet sich mit „ennui“ oder „boredom“ etwas von Lästigkeit, Überdruss oder Verdrießlichkeit.

Zurück nach Deutschland. Immanuel Kant definierte Langeweile in seiner bekannt klaren Diktion als „Aneklung seiner eigenen Existenz aus der Leerheit des Gemüths an Empfindungen, zu denen es unaufhörlich strebt.“ Liegt er richtig? Oder verhält es sich so wie von Thomas Mann im „Zauberberg“ ausgeführt? „Was man Langeweile nennt, ist (…) eigentlich (…) eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein.“

In diesen Äußerungen jedenfalls erscheint Langeweile als eine Störung oder Krankheit, die verschiedene Symptome mit sich führt. Der sich langweilende Mensch zeigt sich entsprechend entweder unleidlich, zerstreut oder unruhig.
Nun erfahren die meisten Menschen die Corona-Krise und den damit verbundenen Zustand des erzwungenen Nichtstuns aber nicht im betreuten Erlebnisraum eines Schweizer Sanatoriums. Oder als sozial abgesicherte Existenz eines öffentlich bestallten Denkers. Und auch die immer wieder herangezogene Aussage von Blaise Pascal (1623–1662) „Nichts ist dem Menschen so unerträglich, wie im Zustand einer völligen Ruhe zu sein, ohne Leidenschaft, ohne Tätigkeit, ohne Zerstreuung, ohne die Möglichkeit, sich einzusetzen“ zieht die Frage nach sich, ob sie zutrifft.
Antwort: Das tut sie nicht (mehr). Denn wir erleben gegenwärtig einen erzwungenen Zustand, der niemanden kalt lässt. Denn nicht nur die je individuelle soziale und ökonomische Existenz ist bedroht. Gefährdet sind die freiheitlichen Lebensformen wie sie sich erst im Laufe der Moderne genannten Epoche herauszubilden vermochten. Unter dieser Perspektive scheidet also die völlige Ruhe eines Individuums als Langeweileerkennungs- und beschreibungskriterium aus.

Nicht ausscheiden aus diesem Text darf aber eine ultrakurze Typologie der Langeweile, an die vor knapp zweihunderfünfzig Jahren noch nicht zu denken war. Denn die Vielfalt der aktuellen Langeweileerscheinungsformen hängt von historischen Voraussetzungen ab, die wiederum auch die zeitgenössischen Langeweileerfahrungen erklären können.
Dazu gehört wesentlich die Selbstentdeckung des Subjekts als eines freien, einzigartigen und sinnbedürftigen Wesens. Weniger wichtig, aber dazu gehörig ist die Aufwertung des Maßstabs „langweilig“ zur Beurteilung von Dingen und Sachverhalten. So verwandelt sich Langeweile allmählich von einer privaten oder individuellen Gefühlserfahrung zu einer „Sache“, die nun als Massenphänomen auftritt. 

Und so kennen wahrscheinlich alle die situative Langweile, wie sie sich beispielsweise bei langen Bahnfahrten oder faden Partys einstellt. Oder die widerwillige Langeweile, die sich als Überdruss am täglichen Einerlei oder der penetranten Gegenwart von Banalem zeigt. Und wer mit sich und der Welt nichts anzufangen weiß, wer die tatsächliche oder vermeintliche Inhaltslosigkeit der Welt zu spüren glaubt, der empfindet existentielle Langeweile. Mit dieser Langeweile und ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen haben sich so ungleiche Denker und Schriftsteller wie beispielsweise Arthur Schopenhauer (1788–1860), Iwan A. Gontscharow (1812-1891), Sören Kierkegaard (1813-1855), Charles Baudelaire (1821-1867), Theodor W. Adorno (1903 -1969) oder Otto Friedrich Bollnow (1903-1991) beschäftigt

Kurz gesagt: Langeweile ist, wenn sich nichts mehr zu verändern scheint. Alle diese Arten werden als unangenehm, bedrohlich oder gefährdend erfahren und bewertet.
Die einzige Langeweile, die weithin akzeptiert ist ist die schöpferische Langeweile. Von manchem wird diese Langeweile mit Muße verwechselt. 

Die Bekämpfung einer in der Moderne allgegenwärtigen Pendelbewegung zwischen Langeweile und Wohlbefinden als Massenphänomen führte im letzten Jahrhundert zur Erfindung der größten „Langeweileverscheuchungsmaschine“ – dem Fernsehen. So formuliert es der Soziologe Martin Doehlemann (geb. 1942).  
Die in das TV und allen seinen ehelichen oder unehelichen Kindern Netflix, Amazon prime, Disney plus, Hulu u.a. gesetzte Hoffnung wurde allerdings enttäuscht.
Diese Medien, die sich auch durch die Prinzipien des Aufbauschens, des Kitsches, der Vergröberung und der Unterhaltung (nicht vollständig) beschreiben lassen, verwandeln sich nach einiger Zeit in „Langeweileerzeugungsmaschinen“ – so nochmals Martin Doehlemann.

Wenn es stimmt, dass es eine sehr starke Motivation von prinzipiell sinnbedürftigen Menschen ist, ein sinnvolles Leben zu führen, und wenn es stimmt, dass das Gefühl der Langeweile so stark verankert ist, dass Menschen dadurch daran erinnert werden, dass sie eigentlich ein sinnvolles Leben leben wollen, dann hätte die Langeweile in beinahe allen ihren Erscheinungsweisen wenigstens einen positiven Aspekt. Denn Langeweile zeigt uns so, dass wir zu Gattung homo sapiens sapiens gehören. Derzeit aber sieht es eher so aus, dass der gesellschaftliche und individuelle Status aus der Zeit von vor der Corona-Krise angestrebt wird. Wie langweilig.

Markus Melchers (geb. 1963, Philosophischer Praktiker, Fachbuchautor) ist mit seiner Praxis „Sinn auf Rädern“ bundesweit tätig. Im kommenden Semester wird er zusammen mit Studienleiter Harald Steffes in der Reihe Zwei Sessel ein Thema zweimal zu sehen sein: „Die Zeit tickt uns hin und tickt uns fort“ (3. Nov.) und „Biografie und Konstruktion. Wer erzählt sein Leben?“ (1. Dez.) bearbeiten.

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