Elektrizität, Assekuranz und Penicillin

Gedanken in der „Corona-Krise“

Ein Gastbeitrag von Sören Asmus

(Fortsetzung des Blogbeitrags vom 18.6.) Leben mit einer andauernden Krankheit bedeutet Leben im Bewusstsein der eigenen Grenzen und Beschädigungen. Und Alltag in der „Corona-Krise“ bedeutet, dass auf einmal alle darüber reden – wieder darüber reden –, dass das Leben gefährdet, bedroht und unsicher ist. Nicht nur im Rest der Welt, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch hier bei uns. Und während die mediale Öffentlichkeit damit ringt, denke ich: „Ja, so ist das Leben halt. Hattet ihr das vergessen?“
Wahrscheinlich hatten wir es vergessen. Niemand sorgt sich mehr vor dem Dunkel der Nacht, mit all den verborgenen Gefahren, die darin lauern, denn wir haben das elektrische Licht, das die Dunkelheit vertreibt. Gegen unvorhergesehene Gefahren und Ereignisse sind wir versichert und sollen uns deshalb nicht mehr um die Folgen sorgen müssen. Und die meisten Infektionen haben ihre Schrecken verloren, weil wir ihnen sogleich mit Penizillin zu Leibe rücken können. Bedrohungen für das Leben haben wir als westliche Menschen alle in der Hand. In unserer Überflussgesellschaft fragen wir nicht mehr danach, wo Nahrung, Kleidung und unser täglicher Bedarf herkommen – und wenn, dann weil wir damit unsere Lebensqualität heben wollen. Eigentlich bedroht uns nur noch der Krieg, wenn er denn zu uns käme – aber wir haben auch den mit unseren Waffen zusammen bislang erfolgreich exportiert. Und was zu viel ist von unserem Überfluss, schicken wir gleich mit: Den Abfall als „Sekundärrohstoffe“, die Überproduktion als „Entwicklungshilfe“ und ein Bröckchen unseres Reichtums als „Katastrophenhilfe“. Bedrohtes Leben, gefährdetes Leben, das ist anderswo – und wenn es hier auftaucht, machen wir es zu individuellem Versagen.

Und nur ganz manchmal dämmert es uns, dass das nicht wahr ist. Aber es muss doch wahr sein, denn das ist die Verheißung unserer „westlichen Moderne“: Wir kriegen all die Gefährdungen in den Griff und alle können deshalb (früher oder später) ein sorgenfreies und unbegrenztes Leben führen. Ich bin so aufgewachsen. Niemand hat mir das direkt so gesagt, aber alle haben es irgendwie so gelebt. Ich gehöre zu den privilegierten „Spätgeborenen“, habe keine Krieg in Europa erlebt, kenne keinen Hunger, keine Verfolgung, bin zudem ein weißer Mann. Und natürlich habe ich irgendwann gelernt, dass es nicht allen Menschen so geht – aber nur in dem Sinne, dass es noch nicht allen Menschen so geht. Und wo die einen sich auf den Fortschritt, den freien Markt oder den Weltgeist verlassen haben, suchten andere die Zukunft in der Revolution, dem „Neuen Zeitalter“ (New Age) oder der Spiritualität. Aber so oder so: Das „noch nicht“ wird verschwinden.

Wie gesagt, das ist keine Indoktrination oder Manipulation irgendeiner Seite gewesen, keine Schrift der Aufklärung oder staatlich verordnetes Denken, dass dazu führte, mich vergessen zu lassen, wie bedroht und verletzlich menschliches Leben (alles Leben) ist. Es war das Ergebnis meiner Alltagserfahrung. Es waren nicht die großen Dichter, Philosophen und Denker, nicht Staatsmänner, Erfinder und Entdecker, nicht Unternehmer, Schauspieler oder sonstige große Männer, sondern Elektrizität, Assekuranz und Penicillin, mein unbesorgtes Leben unter unbesorgten Menschen, die es mich haben vergessen lassen. Nur in der Kirche habe ich etwas anderes gehört. Dort sprachen Menschen aus der „Ökumene“ (also von wo anders) darüber, dass allenthalben Ungerechtigkeit herrscht und Menschen durch und für unseren Wohlstand sterben, dass Krieg – vor allem auch als Stellvertreterkriege – die Welt verheert und Menschen vernichtet, dass die Natur überlastet wird und Abfall, Rohstoffverschwendung und Naturvernichtung täglich auch Menschen töten. Und sie sagten dabei, dass uns das alle beträfe, dass es mit uns hier, mit mir etwas zu tun hat, weil wir alle ChristInnen sind, zusammen gehören, ob in Deutschland oder den USA, ob in Brasilien oder im Kongo, ob in Russland oder in Japan. Durch die Begegnung mit „Ökumene“ in meiner Gemeinde wurde mein Alltag des Überflusses immerhin in Frage gestellt. Aber das konnte ich viel zu locker auch in meiner „noch nicht“ Strategie unterbringen, damals.

Gegen die Krankheit sind Elektrizität, Assekuranz und Penicillin nicht angekommen. Erst dann habe ich erfahren und begriffen, dass das Leben eben doch normalerweise gefährdet, bedroht und verletzlich ist und mein Leben zudem noch ziemlich beschädigt. Seitdem dämmert mir mehr und mehr, was eben für die Mehrheit der Menschen in der Geschichte und auch in der Gegenwart der bestimmende Alltag ist: Das Leben, dein eigenes oder das der Menschen um dich herum, kann jederzeit zerstört werden, ist zerbrechlicher als eine Glasflasche, ist nicht selbstverständlich! Ob wir morgen aufwachen, ob wir uns nächstes Jahr wiedersehen, ob die Großeltern mit ihren Enkeln reden können – das liegt nicht in unserer Hand.

Erlaubt man diesem Gedanken im Inneren Fuß zu fassen – oder ist gar dazu gezwungen –, dann ist man zuerst sprach- und hilflos. Ja, kann man überhaupt mit diesem Gedanken vernünftig leben? Wir müssen doch Pläne machen, uns auf morgen vorbereiten, daran arbeiten, dass das Leben besser wird usw. Ob man angesichts eines bevorstehenden „Weltuntergangs“ ein Apfelbäumchen pflanzt oder die Hände in den Schoß legt, macht einen großen Unterschied. Wie also leben im Angesicht des gefährdeten und beschädigten Lebens? Grob vereinfacht gibt es zwei Möglichkeiten: Verdrängen oder Vertrauen. (Im täglichen Leben ist es immer eine Mischung aus beidem.)

Sören Asmus ist Theologe aus Duisburg und regelmäßiger Referent in der Stadtakademie.

Das neue Programm der Evangelischen Stadtakademie finden Sie unter www.estadus.info.

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