Kaum zu glauben? (Teil 3)

Zur Frage nach der Historizität der Wunder Jesu

Dr Dietrich Knapp
von Dr. Dietrich Knapp

Von Jesus von Nazareth sind nicht nur Heilungen und Dämonenaustreibungen überliefert, sondern auch Rettungswunder. Diese Erzählungen sind ausgesprochen eindrucksvoll und haben daher eine weitreichende Nachgeschichte gehabt. In der Jesusforschung ist wie bei den ersten beiden Gattungen die Frage nach der Historizität gestellt worden. Ein Blick in die Evangelien zeigt, dass Heilungen und Dämonenaustreibungen sehr häufig vorkommen (zusammen 75 Mal), Rettungswunder dagegen nur zweimal. Allein daran ist zu erkennen, dass die Rettungswunder anscheinend nicht so typisch für das Handeln Jesu gewesen sind wie die Heilungen und Dämonenaustreibungen. Letztere sind also bei den Anhänger:innen in besonderer Weise in Erinnerung geblieben.

Eine dieser Erzählungen, die von der Sturmstillung durch Jesus handelt, steht im Markusevangelium (4,35-41): „Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!“

Quelle: Waldemar_Flaig.wikimedia.commons.jpeg

In der Forschung ist darauf hingewiesen worden, dass einzelne Elemente dieser Erzählung durchaus einen historischen Hintergrund haben. So ist Jesus des Öfteren zusammen mit Anhänger:innen mit dem Boot über den See Genezareth gefahren. Einige von denen, die zu ihm gestoßen sind, waren Fischer und verdienten auf diese Weise ihren Lebensunterhalt auf dem See. Was das Motiv des Sturms angeht, so gibt es auf dem See Genezareth tatsächlich immer wieder besondere Fallwinde, die an heißen Tagen plötzlich zu hohem Wellengang und bedrohlichen Situationen führen können.

Da von Jesus von Nazareth Heilungen und Dämonenaustreibungen überliefert waren und er als Wundertäter bekannt war, musste er – so überlegten sich die frühen Christen – auch Herr über den Wind gewesen sein und (Natur-)Gefahren abgewendet haben. Wenn in ihm Gott gegenwärtig war, musste er auch dazu die Macht gehabt haben. So wie Gott Herr seiner Schöpfung war, musste es auch Jesus möglich sein, Einfluss auf die Schöpfung zu nehmen und auf diese Weise Menschen vor Unheil zu bewahren. Die Erzählung dieses Rettungswunders ist also in der Zeit nach Ostern entstanden, sie enthält geradezu etwas vom österlichen Glanz. Sie ist so etwas wie narrative, also erzählende Theologie, durch die den frühen Christinnen und Christen in schwierigen und bedrohlichen Situationen Mut gemacht werden sollte. Da man an die Gegenwart Jesu Christi glaubte, wusste man sich auch in bedrohlichen Situationen nicht allein und nicht ohne Schutz. Als Ganze geht diese Lehrerzählung aus der Zeit des frühen Christentums damit nicht auf ein historisches Ereignis zurück.

Quelle: Boot aus Magdala 1. Jhd.-wikimedia.commons.jpeg

Zu diesem Resultat kommt auch Gerd Theißen in seinem klassisch gewordenen Buch über den historischen Jesus: Hier „hat sich dichterische Phantasie historischer Erinnerung bemächtigt. Gewiss ist Jesus mit seinen Jüngern über den galiläischen See gefahren. Das wusste man. Galt er erst einmal als großer Wundertäter, so war es nur ein kleiner Schritt, ihm auch göttliche Macht über Wind und Wellen zuzuschreiben. Dieser Schritt war erst nach Ostern möglich“ (Gerd Theißen/Annette Merz: Der historische Jesus, Göttingen 4. Auflage 2011, S. 268).

In der Forschung ist darauf hingewiesen worden, dass es ähnliche Erzählungen in der damaligen hellenistischen Kultur gab. Sie könnten bei der Entstehung gewissermaßen Pate gestanden haben. „Die Zwangsbeeinflussung von Wind und Wellen zählte in der Antike zum festen Betätigungsfeld von Magiern, Schamanen und Mantikern (…). Persische Magier retteten die Flotte des Xerxes vor einem gefährlichen Seesturm, indem sie den Wind durch Zaubersprüche verstummen ließen und das Wasser durch Tieropfer beschwichtigten (…). Auch Pythagoras (…), Sophokles (…) und Magier aus Kleonai (…) sollen über die Fähigkeit verfügt haben, die hinter den Naturgewalten stehenden Mächte mit Zaubersprüchen, Gesängen oder Opfern zu beruhigen. Empedokles trug wegen seiner Sturmstillung in Agrigent sogar den Beinamen Windbezwinger (…)“ (Bernd Kollmann: Totenerweckungen und Naturwunder, in: Jens Schröter/Christine Jacobi: Jesus Handbuch, Tübingen 2017, S. 324). Insgesamt ist vielfach festgestellt worden, dass Wundererzählungen aus dem hellenistischen wie aus dem frühjüdischen Bereich die jesuanischen Wunderüberlieferungen mehr oder weniger stark geprägt und beeinflusst haben. Für die frühen Christinnen und Christen war klar: Wenn derartige Wundertaten von anderen wichtigen Personen erzählt wurden, musste man sie umso mehr von Jesus von Nazareth erzählen. Schließlich war in ihm auf geheimnisvolle Weise Gott selbst gegenwärtig. Wenn man die Frage nach der Historizität der Wundererzählungen der Evangelien stellt, kommt man also zu einer differenzierten Antwort. Die Heilungen und Dämonenaustreibungen sind, wenn vielleicht auch nicht alle, im Grundsatz historisch. Sie gehören ins Zentrum des Auftretens Jesu. In ihnen wird sichtbar, dass Gottes neue Welt beginnt. Die Rettungswunder dagegen sind nicht historisch, vielmehr sind sie predigtartige Erzählungen, die deutlich machen wollen, wer dieser Jesus aus Nazareth war. Die frühen Christinnen und Christen brachten in ihnen ihren Glauben an ihn zum Ausdruck.

2 Kommentare

  1. Wie sieht es eigentlich mit dem Wunder der Auferstehung von den Toten aus? Wie wird das wissenschaftlich eingeordnet?

  2. Dr. Dietrich Knapp

    Diese Frage konnte innerhalb der drei kurzen Artikel zu den Wundern Jesu leider nicht behandelt werden. Wer hier Genaueres wissen möchte, dem sei ein Abschnitt aus dem Buch zum historischen Jesus des Heidelberger Neutestamentlers Gerd Theißen empfohlen:
    Gerd Theißen/Annette Merz: Der historische Jesus, Göttingen 4. Auflage 2011, S. 415-443 (§ 15 Jesus als Auferstandener: Ostern und seine Deutungen).
    Besonders interessant und aufschlussreich ist die Zusammenfassung am Ende des Kapitels (S. 439-443).

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