Maigedanken

Gastbeitrag von Dr. Karin Füllner

Alles grünt und blüht, alle Knospen springen auf und alle Vögel singen. Die Meteorologen sprechen, so habe ich gelernt, vom Vollfrühling, die Dichter vom Wonnemonat Mai. Die Römer verehrten die Fruchtbarkeitsgöttin Maia, die Juden feiern das Erntedankfest Schawuot, die Christen feiern Pfingsten. Frühling bedeutet Neubeginn, verspricht nach jedem Winter Hoffnung auf ein neues Leben. Auch im zweiten Corona-Frühling hoffen wir auf’s Neue: Die Natur lebt auf und wir mit ihr. „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus“, dieses Lied nach den Worten von Emanuel Geibel kennen wir alle ebenso wie Goethes Mailied: „Wie herrlich leuchtet/ Mir die Natur!/ Wie glänzt die Sonne!/ Wie lacht die Flur!“ Die Freude über den Mai ist in der Literatur immer wieder neu besungen worden. Besonders faszinieren mich die Verse, die der junge Dichter Harry Heine vor genau 200 Jahren geschrieben hat:

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

Was macht den Reiz dieses kleinen, schlichten und doch so kunstvoll gebauten Gedichtes aus dem Jahr 1821 aus? Nicht nur ist der Mai schön, er ist sogar wunderschön und diese euphorische Eingangszeile mit der Alliteration Monat Mai wird in der zweiten Strophe gleich noch einmal genauso wiederholt und führt uns geradezu in einen Schwebezustand. Über dieses berauschende Maigefühl schreibt Heine in seiner „Harzreise“: „Wie ein Meer des Lebens ergießt sich der Frühling über die Erde.“ Wie viele andere Dichter in ihren Maigedichten parallelisiert auch Heine die aufblühende Natur und die aufblühende Liebe. Ja, die Liebe geht im Herzen des Dichters auf wie ein Naturereignis, wie Sonne und Mond. Das Einzige, was der Dichter noch tut, ist, sie parallel zum Singen der Vögel zu gestehen. Das alles klingt fantastisch schön und doch hat es auch eine untergründige Melancholie. Anders als in anderen Mailiedern wird alles in der Vergangenheitsform erzählt. Der wunderschöne Monat Mai ist kein Hier und Jetzt mehr: Die Knospen „sprangen“, die Vögel „sangen“, der Mai ist vergangen. Eine Reaktion auf das Geständnis des Dichters erfahren wir nicht. Schauen wir in Heines Biographie, so wissen wir, dass seine angebetete Cousine Amalie in Hamburg die große erste Liebe ihres 18jährigen Cousins 1816 nicht erwidert hat, vielmehr hat sie fünf Jahre später, also eben genau im Jahr 1821, einen anderen geheiratet, nicht den dichtenden Cousin, sondern einen Gutsbesitzer.

Porträt Heine von Gassen 1828

Das Gedicht selbst aber lässt für uns als Leserinnen und Leser die Zukunft offen und das macht, so lese ich es, seinen Zauber aus: Wir dürfen hoffen. Der Monat Mai erweist sich in Heines Leben als ein bedeutender Monat der großen Umbrüche. Im Mai 1831 geht Heine begeistert von der Julirevolution in Frankreich nach Paris, um dort einen neuen Aufbruch mitzuerleben, um als Schriftsteller präsent zu sein und politisch mitgestalten zu können. Im Mai 1848 bricht er, enttäuscht von der Februarrevolution in Paris, bei seinem letzten Besuch im Louvre vor der Venus von Milo zusammen und wird für immer bettlägerig. Interessant ist, wie er diese großen gesellschaftspolitischen Ereignisse und ihre Auswirkungen auf das Individuum, die Reaktionen im eigenen Leben als Maiereignisse stilisiert. Im kleinen Maigedicht von 1821 ist von Gesellschaft und Politik nicht die Rede, nur von der Natur und dem Ich des Dichters. Aber dieses „Ich“ bietet viel Raum, sich mit ihm zu identifizieren, auch wenn Ruth Klüger zu Recht darauf hingewiesen hat, dass Frauen anders lesen. Das Herz des Dichters und mit ihm das Herz eines jeden Individuums ist der Mittelpunkt des großen Ganzen. Jedes Ich kann aktiv werden und so wie das lyrische Ich des Gedichtes seine Liebe gesteht, können auch wir handeln, können auch wir etwas bewegen. Wie eng Reden und Handeln verbunden sind, hat uns nicht zuletzt die Sprechakttheorie vorgeführt. Das bedeutet aber auch, jede Einzelne, jeder Einzelne ist in der Verantwortung. Alles, was das Ich tut und lässt, hat Folgen und das in der Pandemie im wahrsten Sinne des Wortes. Jedes Ich verantwortet auch das Leben der anderen. Heines Texte haben funkelnde Leichtigkeit und dunkle Tiefgründigkeit, erfreuen ebenso mit frechem Witz wie mit ernstem Pathos, berühren mit Euphorie und Melancholie. „Da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so mußte es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden“, heißt es bei Heine und diesem „Weltriß“ kann Jede und Jeder nachspüren. So gibt es bei Heine durchaus auch wütende, verärgerte Mailiteratur, wenn die wunderschön grünende und blühende Natur und das eigene Bewusstsein gar zu weit auseinander klaffen, wenn die eigene Wunde, das eigene Leiden an der Welt zu groß sind: „Mich höhnt der Himmel, der bläulich und mailich –/ O schöne Welt, du bist abscheulich!“ So groß die Schwärmerei sein kann, kann auch die Klage sein. Dennoch finden sich beim späten Heine im Rückblick aus seiner Matratzengruft in Paris wesentlich mehr Texte, die das fantastische Glück des wunderschönen Monat Mai zurückträumen: „Mir träumt manchmal, gekommen sei/ Zurück das Glück und der junge Mai“. Voller Sehnen und Verlangen beschwört der zunehmend kranke Dichter „Rosen und ewigen Mai -/ Es ward mir so selig zu Sinne dabei“.

Maigedichte sind immer wieder vertont worden, viele sind uns als Volks- und Kinderlieder präsent und begleiten uns von Frühling zu Frühling, vom Kindergarten bis zum Altersheim. Mailiteratur, die neue Lust am Leben ins Zentrum stellt, die uns selbst ins Zentrum des Lebens stellt, berührt immer auch emotional. Auch die größten Namen der Musikliteratur haben sich von Maigedichten faszinieren lassen. So etwa hat Robert Schumann mit Heines kleinem Maigedicht seine berühmte „Dichterliebe“ eingeleitet und dabei. Euphorie und Melancholie des Gedichttextes kongenial in Musik übersetzt.

Lassen wir uns von der Mailiteratur inspirieren zu neuer Lust und neuem Leben. Lesen wir Heines kleinem Maigedicht ab, dass die Zukunft noch ansteht. Lassen wir uns von der Maipoesie belehren, nicht wie, aber dass wir gestalten können, und hoffen wir mit Heine: „Überall, wie holde Wunder, blühen hervor die Blumen, und auch mein Herz will wieder blühen. Überall sehe ich die grüne Farbe, die Farbe der Hoffnung.“

Ein Kommentar

  1. Nun müßten wir wissen, wie wir das Grün erhalten, pflegen, damit es uns weiterhin erfreuen kann. Bereits Hildegard von Bingen erkannte die Grünkraft viriditas.
    Komm lieber Mai und mache die Erde wieder grün,
    Und in uns entfache die Kraft zu widerstehn
    den Verlockungen der Lethargie und Ignoranz.
    Entfache in uns die Freude an der Natur im Mai.

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