Was lernen wir aus dem Bürgergutachten?

Einige praktische theologische Überlegungen dazu…

von Dr. Martin Fricke

Im letzten Jahr hat der Evangelische Kirchenkreis Düsseldorf mit dem Institut für Demokratie- und Partizipationsforschung der Bergischen Universität Wuppertal ein Bürgergutachten durchgeführt. Fast 200 Bürger*innen Düsseldorfs formulierten unter der Überschrift „Glaube in der Stadt“, was sie von der Evangelischen Kirche erwarten. Die Ergebnisse können Sie hier nachlesen: Veröffentlichung des Bürgergutachtens (wieviel-kirche-braucht-die-stadt.de). Ich hab´s schon getan und frage mich:

Was lernen wir aus dem Bürgergutachten?
Einige praktische theologische Überlegungen dazu…

Noch vor 20 Jahren unterschied man in der Praktischen Theologie Kirchengemeinden und „Kirche an besonderen Orten“. Entsprechend wurden die Pfarrpersonen eingeteilt in Gemeinde- und Funktionspfarrer*innen. Als Letzterer wurde ich zuweilen das Gefühl nicht los, dass man mich in gewisser Weise als clerus minor betrachtete. Nun gut – mein Problem! Vielleicht… Jedenfalls dachte ich damals schon, dass die Unterscheidung der Praktischen Theologie dringend revisionsbedürftig ist. Denn für die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, waren die Ortsgemeinden die „besonderen Orte“. Ihr Leben spielte sich ja ganz woanders ab: in der Schule, im Club, in der Arbeitswelt, in der Kneipe, auf dem Markt, und manchmal leider auch im Krankenhaus…

Die genannte Unterscheidung ist eben ganz vom Institut „Kirche“ und vom Ideal (oder soll ich sagen: der Einbildung) der Volkskirche her gedacht: Die Ortsgemeinde ist der normgebende Standard, Kirche an anderen Orten das Besondere; also die Ableitung von der Norm, die Ausnahme von der Regel. Institutionelle Subjektorientierung! Sollten wir aber nicht viel mehr von den Menschen her, oder besser: mit ihnen denken? Die Voten im Bürgergutachten jedenfalls zeigen mir, dass die Menschen in unserer Stadt den Kontakt mit der Kirche dort wünschen, wo sie leben. Also in der Schule, im Club, in der Arbeitswelt, in der Kneipe, auf dem Markt, und manchmal leider, aber auf jeden Fall auch im Krankenhaus…

Also nicht mehr nur mein Problem! Heute mehr denn je brauchen wir eine radikale Umkehr der Blickrichtung um 180 Grad! Die Kirche ereignet sich – wenn überhaupt – an den für die Menschen lebensweltlich relevanten Orten: dort wo Jugendliche die meiste Lebenszeit verbringen, wo Männer und Frauen ihre Lebensträume verwirklichen, wo Menschen mit Grenzen Ihres Lebens konfrontiert werden… Das aber bedeutet, anders als bisher wirksam zu werden und von Vielem Abschied zu nehmen:

  • von einer überkommenen Blickrichtung und der ihr zugrundliegenden Haltung,
  • von dem parochialen Grundpfeiler unserer Kirchenordnung,
  • von gewohnten Organisationsformen und der ihnen entsprechenden Ressourcenverteilung,
  • von vielen Strategien und Arbeitsweisen.

Zum Beispiel könnte das heißen: weniger Sonntagsgottesdienste, mehr Café Mobil; oder: mehr Mut zur Leerstelle (vielleicht füllen die Menschen sie von ganz alleine, wenn wir ihnen keine fertigen „Angebote“ vorsetzen, sondern ihnen vorbehaltlos die Türen unserer Kirchen und Gemeindezentren öffnen); oder: mehr Experimente und Mut zu Fehlern – was keine dauerhafte Resonanz findet, muss auch nicht dauerhaft bleiben. Denn unsere Ressourcen sind ja endlich – geistlich, zeitlich, personell, finanziell, organisatorisch und infrastukturell.

Das heißt nicht, dass die Kirchen im Quartier und die Gottesdienste überflüssig sind. Im Gegenteil! Gerade in diesen Wochen ist das Besondere ja mehr denn je notwendig und gefragt. Theologisch gesprochen: Es qualifiziert erst, was wir als Christenmenschen in unserem Alltag tun. Auch in unserem kirchlichen. Es ist eben das Besondere, die spezifische Differenz unseres Kirche-Seins!

Warum fällt uns das Abschied-Nehmen dann so schwer? Nur, weil wir aus unserer behaglichen Heimat heraustreten sollen? Ja, deshalb auch. Aber das allein wäre zu kurz gesprungen. Zumal wir auch weiterhin Heimatorte brauchen werden, an denen wir uns emotional, sprachlich, ästhetisch zu Hause fühlen. – Eher wohl fällt uns das Abschied-Nehmen schwer, weil wir uns einen Spiegel von außerhalb unserer institutionellen Subjektivität vorhalten lassen sollen. Etwa durch das Bürgergutachten; aber nicht nur dadurch. Oder, theologisch gesprochen: Weil wir – unsere Endlichkeit und Begrenztheit anerkennend – uns von außen rufen lassen sollen. Sollten wir das tatsächlich nicht können?!

Apropos Theologie – drei theologische Sätze zum Schluss:

  1. Das Abschiednehmen und Sich-auf-den-Weg-Machen ist unsere DNA. Zeigen uns die Abraham- und Exodusgeschichten nicht, dass in sie der Code der Freiheit eingeschrieben ist, zu der wir berufen sind?
  2. Das Vertrauen, dass Kirche nicht in Strukturen, Formen und Formeln aufgeht, sondern sich zuweilen ganz ungeplant und kaum vermutet ereignet, sollten wir nicht wegwerfen, sondern als Gewinn erachten. Hat nicht Jakob am Jabbok mit dem Namenlosen gekämpft, ehe er dem Ort einen frommen Namen gab?
  3. Von den Menschen her oder besser: mit ihnen zu leben, zu denken und zu handeln, ist kein Widerspruch zu unserer vorrangigen Orientierung am Evangelium, sondern seine Erfüllung. Sagte nicht Jesus nicht zu denen: „Dein Glaube hat Dir geholfen“, die auf der Suche nach erfülltem Leben, nach Heilung an Leib und Seele zu ihm gekommen waren?

Sind wir nicht selbst diese Menschen?

Wollen wir dann nicht auch eine solche, eine neue Kirche sein?

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