Was nicht in der Bibel steht (Teil 1)

Dr Dietrich Knapp
von Dr. Dietrich Knapp

Das Christentum hat es im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung nicht gegeben. Vielmehr müsste man den Begriff Christentum eigentlich in den Plural setzen und von vielen verschiedenen „Christentümern“ sprechen. Anders ausgedrückt: Die Pluralität prägte in den Anfängen das Christentum. Es gab zahllose kleinere und größere Gemeinden und Gemeinschaften in den unterschiedlichen Regionen des Römischen Reiches – von Antiochia im Osten bis nach Rom im Westen – mit sehr unterschiedlichen Traditionen, Theologien und Denkansätzen. Jede Gemeinde hatte ihren eigenen kulturellen Hintergrund, war geprägt durch die soziologische Zusammensetzung, die nichtchristlichen Überlieferungen und Traditionen vor Ort und die Möglichkeiten der eigenen Sprache.

In diesen unterschiedlichen Gemeinden und Gemeinschaften sind zahllose Schriften produziert worden, besonders Briefe und Evangelien, aber auch apokalyptische Texte oder Kirchenordnungen. Das, was im Neuen Testament zusammengestellt und durch die Jahrhunderte überliefert ist, ist nur ein kleiner Teil dessen, was damals in Gebrauch war. Die Bibelwissenschaft hat sich in jüngerer Zeit intensiv mit denjenigen Texten auseinandergesetzt, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen worden sind. Besonders die so genannten apokryphen Evangelien haben das Interesse der angelsächsischen und der deutschen Forschung auf sich gezogen. Einige dieser Evangelien sind schon etwas länger bekannt, andere sind erst in den letzten Jahren aufgetaucht und haben die Bibelwissenschaftler/innen und Historiker/innen, aber auch die Öffentlichkeit in ihren Bann gezogen. Exemplarisch sollen in diesem und in meinem nächsten Beitrag drei Evangelien vorgestellt werden: das Thomasevangelium, das Unbekannte Berliner Evangelium und das Judasevangelium.

Quelle: Wikemedia.jpg

»Dies sind die verborgenen Worte, die der lebendige Jesus sagte, und Didymos Judas Thomas schrieb sie auf. Und er sprach: ‚Wer die Deutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.’« Mit diesen Worten beginnt das berühmte Thomasevangelium, das Ende 1945 zusammen mit anderen Schriften in Nag Hammadi in Oberägypten gefunden wurde und das die Bibelwissenschaft bis heute beschäftigt. Die abenteuerlichen Umstände des Fundes sind im Einzelnen nicht mehr ganz zu klären. Das Schriftencorpus von Nag Hammadi, insgesamt bestehend aus 13 Codices, also Handschriften in Buchform, gelangte zunächst in den Antiquitätenhandel und kam über Umwege schließlich in das Koptische Museum zu Alt-Kairo. Das Thomasevangelium befindet sich im zweiten Codex, der noch andere Schriften mit geheimnisvoll klingenden Titeln enthält wie „Die Hypostase der Archonten“, „Vom Ursprung der Welt“ oder „Die Exegese über die Seele“. Das Evangelium ist in koptischer Sprache verfasst, wobei davon auszugehen ist, dass die ursprüngliche Version in griechischer Sprache geschrieben worden ist, was heißt, dass das in Nag Hammadi gefundene  Thomasevangelium eine spätere Übersetzung ist. Von der Form her ist es als Spruchevangelium zu betrachten, es besteht also aus aneinander gereihten Aussprüchen, die auf Jesus von Nazareth zurückgehen sollen. Eine Passionserzählung enthält das Evangelium nicht, ebenso wenig Ostererzählungen. In dieser Hinsicht unterscheidet es sich von den klassischen Evangelien. Insgesamt finden sich 114 Sprüche oder Logien, die zum Teil Worten aus den biblischen Evangelien ähneln, zum Teil aber einen ganz eigenen Charakter haben und dort nicht zu finden sind. Das Evangelium, das seinen Ursprung nicht in Ägypten, sondern in Syrien hat, ist wahrscheinlich in einem längeren Prozess entstanden. Immer wieder ist es überarbeitet worden, so dass es über die Jahre unterschiedliche Versionen gegeben hat. Die älteste Version muss bereits im 2. Jahrhundert entstanden sein, was bedeutet, dass der ursprüngliche Text sehr alt ist. Es spricht einiges dafür, dass in dieser Version Worte Jesu aufbewahrt sind, die nicht Eingang in die klassischen Evangelien und damit in das Neue Testament gefunden haben. Das heißt, dass die Jesusforschung nicht nur die vier Evangelien der Bibel, sondern auch das Thomasevangelium als geschichtliche Quelle befragen und nutzen muss.

Das wichtigste Thema des Evangeliums ist die verborgene Gottesherrschaft, um die es in verschiedenen Gleichnissen geht. So heisst es in Spruch 97: »Das Königreich des [Vaters] gleicht einer Frau, die einen [Krug] trägt, angefüllt mit Mehl. Während sie auf [einem] langen Weg ging, brach der Henkel des Kruges, und das Mehl verströmte hinter ihr [auf] dem Weg. Sie jedoch wusste es nicht; sie hatte keine Not wahrgenommen. Als sie in ihr Haus gelangt war, stellte sie den Krug auf den Boden und fand ihn leer.«  Zu diesem Gleichnis etwa gibt es im Neuen Testament keine Entsprechung. Es beschreibt die unmerkliche Ausbreitung der Gottesherrschaft. Während der Mensch sich abmüht, breitet das Gottesreich sich unbemerkt aus wie das herausströmende Mehl. Auch im Spruch 3, also ganz am Anfang, geht es um das Gottesreich:»Wenn die, die euch vorangehen, zu euch sagen: ›Siehe, im Himmel ist das Königreich!‹, dann werden euch die Vögel des Himmels zuvorkommen. Wenn sie zu euch sagen: ›Es ist im Meer‹, dann werden euch die Fische zuvorkommen. Vielmehr: Das Königreich ist innerhalb von euch und außerhalb von euch.« Kurz vor dem Ende wird das Thema der Herrschaft Gottes ebenfalls wieder aufgenommen (Spruch 113): Seine Jünger sprachen zu ihm: »Das Königreich – an welchem Tage wird es kommen?« – »Nicht im Erwarten wird es kommen! Man wird nicht sagen: ›Siehe, hier!‹ oder ›Siehe, dort!‹ Vielmehr ist das Königreich des Vaters ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.« Das Evangelium will deutlich machen: Gott handelt in der Welt, ist in ihr auf geheimnisvolle Weise präsent, seine Herrschaft breitet sich kontinuierlich aus. Die Sprüche 3 und 113 bilden so etwas wie eine Klammer um das Evangelium, weshalb ihnen besondere Bedeutung zukommt. Wie zu erwarten, spielt der Jünger Thomas eine hervorgehobene Rolle. Er hat Jesus wirklich erkannt, ihn in ganzer Tiefe verstanden, weshalb er besondere Mitteilungen und Offenbarungen erhalten hat. Hinter Thomas verbirgt sich möglicherweise die Gemeinde des Thomasevangeliums, die der Auffassung war, Jesus und seiner Lehre in ganz besonderer Weise nahe zu stehen. Anzumerken bleibt, dass manche Sprüche von der Gnosis geprägt zu sein scheinen, also von der damals so einflussreichen religiösen Bewegung, die ein starkes dualistisches Weltbild hatte. Der Mensch trage einen göttlichen Funken in sich, der im menschlichen Körper gefangen sei. Wenn der Mensch zur Erkenntnis, zur Gnosis komme, könne der göttliche Funke vom Körper frei werden, die Welt hinter sich lassen und zum göttlichen Ursprung, von dem er einst gekommen sei, zurückgelangen.

Fortsetzung am 17.09.2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.