Cumbre Vieja – oder: Von der Herrlichkeit Gottes

Dr. Martin Fricke
von Dr. Martin Fricke

Seit zwei Wochen spuckt der Vulkan Cumbre Vieja auf La Palma Feuer und Asche. Die glühende Lava verschlingt, was sich ihr in den Weg stellt, und setzt nun, da sie sich in´s Meer ergießt, giftige Gase frei. Wer die Bilder verzweifelter Menschen in den Trümmern ihrer Hauser sieht, mag fragen: Wo ist Gott in all´ dem?

Vor einigen Wochen schrieb ich in diesem Blog über die Verborgenheit Gottes (https://himmelsleiter.evdus.de/von-der-verborgenheit-gottes-oder-fides-semper-reformanda/). Ja, wo Tod und Zerstörung wüten, scheint Gott gänzlich abwesend zu sein. Jedenfalls, wenn er – wie wir glauben – der Gott des Lebens ist. Ist die Asche von Cumbre Vieja also die Asche eines toten Gottes? Eines Gottes, auf den wir – frei nach Nietzsche – nur noch unser Requiem anstimmen können?

Nun ist in der Natur nichts ausschließlich zerstörerisch. Alles hat Teil am großen Zusammenhang von Werden und Vergehen und Neuwerden. Leben muss sterben, damit neues Leben entstehen kann. Die Vulkane sind das beste Beispiel dafür: Erdgeschichtlich waren sie essentiell für die Entstehung von Leben auf unserem Planeten. Ohne die Vulkane gäbe es uns nicht.

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In den Naturgewalten zeigt sich also beides, und manchmal beides zugleich: Schönheit und Erhabenheit ebenso wie Tod und Verwüstung. Angesichts dessen aber drängt sich umso mehr die Frage auf: Wo ist Gott? Ist er nur dort, wo wir Grund haben, das Wunder seiner Schöpfung zu bestaunen? Wer aber verursacht dann Leid und lebensfeindliche Strukturen? Und wenn die Qualen der einen das Glück der anderen sind – auf wessen Seite steht der Ewige? Ist die Welt Bühne eines epischen Duells zwischen Gott und dem Teufel? Doch wie vertrüge sich eine solche Anschauung mit dem Vertrauen auf die umfassende Allmacht des Schöpfers als Herr über Leben und Tod?

In seinem Buch „Theology in a Suffering World. Glory and Longing“ hat sich der britische Theologe Christopher Southgate genau diesen Fragen gestellt. Seine zentrale These lautet: Wenn die Bibel von der Herrlichkeit (כְּבֹ֣וד) Gottes spricht, meint sie die glanzvolle Güte, seine Ehre und seinen Ruhm (δόξα). Aber sie meint auch seine unfassbare Größe, die sich darin zeigt, mit der Schöpfung Prozesse in Gang gesetzt zu haben, die Leid und Zerstörung implizieren. Wenn Gott der Schöpfer aller Kreatur ist, dann ist die grazile Antilope ebenso sein Werk wie der Löwe, der sie reißt. In beidem, in der Schönheit wie in der Grausamkeit, ist er der Herr. Mit den Augen des Glaubens sehen wir ihn in seiner Freude an der Kraft des Löwen ebenso wie in seinem Leiden mit den Qualen der Antilope.

Gott nur auf der Seite des Guten und Schönen zu sehen oder die Natur zu glorifizieren – beides wäre eine banale „Verherrlichung“. Tatsächlich sind die biblischen Texte über die Herrlichkeit Gottes weniger glanz- als geheimnisvoll, manchmal geradezu unheimlich. Siehe die Szene, in der Jesaja zum Propheten berufen wird (Jesaja 6). Darum, so Southgate, müssen wir sie als Zeichen der Wirklichkeit Gottes lesen. Die Wirklichkeit Gottes selbst entzieht sich unserem Begreifen. So gesehen weisen die Bilder und Geschichten der Bibel also über sich hinaus auf das unbegreifliche Herr-Sein des Ewigen. Exodus 24,17 zum Beispiel, um zu den Vulkanen zurückzukehren: Und die Herrlichkeit des HERRN war anzusehen wie ein verzehrendes Feuer auf dem Gipfel des Berges vor den Augen der Israeliten. Das verzehrende Feuer – es kann Elend und Verwüstung verursachen, für Mose war es der Ort der Offenbarung.

Unsere Welt ist zweideutig. In ihr, so Southgate, erleben wir die Herrlichkeit Gottes als Schöpfer (gloria mundi) ebenso wie im Kreuz Jesu (gloria crucis). Mit den Augen des Glaubens entdecken wir beides im Werden und Vergehen in der natürlichen Welt. Endgültig fassen können wir die Herrlichkeit Gottes nicht. Aber die Berichte von der Auferstehung Christi haben die lebendige Hoffnung in diese Welt gebracht, dass sie alles in allem ist (gloria in excelsis). Kreuz und Auferstehung zusammen sind ein vollständiges Zeichen der Herrlichkeit des Ewigen.

Ja, Gott ist auch im Cumbre Vieja. Auch die Gewalten des Vulkans sind Zeichen seiner Herrlichkeit. Er mag sich uns durch sie verbergen. Aber er ist nicht tot. Er lebt mitten in Zerstörung, Verwüstung und Tod. Wie er auch in jedem neuen Pflänzchen lebt, das inmitten der erkalteten Lava keimen wird. Und von ihm ist gesagt: Ich mache alles neu (Offenbarung 21,5).

Seien Sie behütet!

Martin Fricke

PS: Das spannende Buch „Theology in a Suffering World. Glory and Longing“ von Christopher Southgate, in dem er seine Überlegungen mit vielen Bezügen auf Bibel und Theologie, Naturwissenschaften und Kunst entfaltet, ist 2018 bei Cambridge University Press erschienen.

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